Objektive
Einer der ersten Diskussionspunkte, die lange vor der D800 auftauchten und sich hartnäckig bis heute halten, ist die notwendige Qualität der Objektive. Angeheizt wurde das Thema noch durch einen Text von Nikon selber, in dem die optimale Technik zur Erzielung technisch perfekter Fotos beschrieben wurde (bis hin zu Spiegelvorauslösung etc.), womit wohl die leidigen Diskussionen über unscharfe Bilder reduziert werden sollte. Das Ergebnis war nach meiner Auffassung jedoch kontraproduktiv, die Nikon-Gemeinde sah diesen Bericht noch als Bestätigung dafür, dass man mit der D800 nur mittels feinster Objektive und ausgefeiltester Technik überhaupt scharfe Bilder würde schiessen können.
Das ist definitiv Unsinn: die Fotos werden mit Standard-Zooms und aus der Hand geschossen kein bisschen unschärfer, nur weil sie mit der D800 entstanden sind. Man KANN mehr herausholen, wenn man die Technik-Vorschläge berherzigt (die allerdings wenig mit der D800 zu tun haben, sondern genau so schon vor 30 Jahre in der analogen Fotografie ihre Gültigkeit hatten). Und die Vorteile des Sensors, die ich oben beschrieben habe, kommen genauso auch mit einem 28-105 mm Standardzoom aus analogen Zeiten zum Tragen. Erst die Ausschnittsvergrösserung zeigt wahrscheinlich Unschärfen, die mit besseren Objektiven und Stativ nicht oder weniger zu sehen wären. Das gilt jedoch für jede Kamera, nicht nur für die D800.
Bei den Kosten der D800 ist es wohl wahrscheinlich, dass sie nicht unbedingt mit dem billigsten Einstiegs-Zoom aus den 70er Jahren kombiniert wird. Ich persönlich nutze für Veranstaltungen fast ausschliesslich das 24-120 mm f/4.0 AF-S VR, während ich bei Arbeiten mit Zeit und Ruhe (Landschaft, Portraits) Festbrennweiten vorziehe (28 mm f/2.8 AIS, neu das 28 mm f/1.8 AF-S, 50 mm f/1.4 AF-S und ein altes 200er f/4 AI-S). Bei der Arbeit mit dem Stativ sind die Unterschiede zwischen dem Zoom und den Festbrennweiten durchaus sichtbar, selbst bei Bildschirmgrösse. Das setzt jedoch penibles Arbeiten voraus: ISO 100, Stativ, Fern- oder Selbstauslöser mit Spiegelvorauslösung, und natürlich ein unbewegtes Objekt.
Bei Veranstaltungsfotos spielt die subjektive Schärfe-Wahrnehmung eine sehr viel grössere Rolle: eine nicht ganz scharfe Person vor einem vollkommen unscharfen Hintergrund wirkt subjektiv besser (und schärfer), als wenn das ganze Bild in allen Tiefen rattenscharf abgebildet ist. Auch bringt die Isolierung der Person sehr viel mehr Eindruck ins Bild, als wenn man sich die relevanten Bilddetails als Betrachter selber aussuchen darf.
In diesem Teil des Tests gibt es noch keine Vergleichsbilder, diese folgen im nächsten Teil. Die Aussage, die ich an dieser Stelle treffen möchte, ist jedoch unabhängig davon zentral: wie bei der guten alten analogen Mittelformatkamera erreicht man mit der D800 höchste Bildschärfe natürlich nur mit sauberer Technik. Umgekehrt schiesst die D800 mit Standardzoom und freihand im Getümmel genauso gute oder auch bessere Bilder wie jede D700, D300 oder D3. Es hängt von der Zielsetzung, den Ansprüchen an das Bild und auch der tatsächlichen Präsentation des Endergebnisses ab (Riesenposter, Facebook-Foto...), womit man sein Ziel bestmöglich erreicht. Das schöne an der D800 ist, dass alles möglich ist: der Urlaubs-Schnappschuss für Facebook genauso wie absolute Mittelformat-Qualität für das Protrait oder Landschaftsfoto in Grossvergrösserung.
DX-FX?
Natürlich ist die D800 in erster Linie eine FX-Kamera, also eine Nikon mit dem Sensor im regulären Kleinbild-Format. Durch die immense Pixelanzahl erhält man aber eine "integrierte D7000" kostenlos mitgeliefert: DX-Umsteiger brauchen daher keine ihrer Linsen zu verkaufen, wenn sie das nicht wollen, denn die D800 schaltet automatisch auf DX um mit immer noch 15 MP Auflösung, wenn ein solches Objektive angesetzt wird (über das Menü kann man den Automatismus übrigens auch ausschalten und manuell zwischen DX und FX umschalten). Wie gut die D800 als DX-Kamera im Vergleich zu einer D7000 abschneidet, der derzeit wohl weltbesten DX-Kamera, das soll ein Vergleich zeigen, zu dem ich mich mit Nikonian Richard (MaRiJonas) treffen werde. Die Ergebnisse folgen dann hier. Ein weiterer Vergleich, der noch folgt, ist der zwischen dem 50 mm f/1.4 AF-S und dem 35 mm f/1.8 AF-S DX, beide auf der D800, die eine im FX-, die andere im DX-Modus. Beide also mit der selben effektiven Brennweite von 50 mm. Ich bin gespannt auf das Ergebnis.
Fazit der ersten beiden Monate Praxiserfahrung
Die Nikon D800 hat mich bisher in keinem einzigen Punkt enttäuscht. Natürlich war ich von der Batterie-Tauschaktion betroffen (kein Problem, ich hatte glücklicherweise einen Zweitakku, auf den ich bis zur Lieferung des Ersatzes zurückgreifen konnte), von allen anderen vereinzelt gemeldeten Problemen habe ich nicht das Geringste erlebt.
Die D800 ist, das kann ich ohne Einschränkung sagen, die universellste und beste Kamera, die ich in meinem Leben besessen habe, im Grunde die Erfüllung eines Traumes: handlich, schnell, mit bezahlbaren, aber absolut hervorragenden Objektiven, flexibel einsetzbar, aber gleichzeitig mit der Möglichkeit, mit sauberer Technik, Stativ und Vorauslöser Bilder in Mittelformatqualität zu schiessen. Dazu eine enorme ISO-Bandbreite, ein riesiger Belichtungsspielraum und minimales Rauschen auch unter schlechten Lichtverhältnissen.
Ein weiterer Punkt ist die lange Geschichte und die enorme Bandbreite der Nikon-Produkte: die D800 lässt sich mit Zubehör und Objektiven aus über 30 Jahren einsetzen, vom AI-Makro bis zum modernsten VR-Objektiv, manuell wie automatisch. Dazu kommt die geniale Blitzsteuerung, die mit mehreren Nikon-Blitzen ein kleines Studio ersetzt, ohne die Möglichkeit auszuschliessen, mit "echtem" Studiomaterial zu arbeiten.
Gilt normalerweise der Spruch, dass jemand, der alles kann, im Zweifelsfalle nichts davon wirklich richtig macht, so stellt die D800 hier eine rühmliche Ausnahme dar: sie deckt einen extrem breiten Bereich ab (vom Sport mal abgesehen, dafür sind die 4 Bilder pro Sekunde dann doch etwas sparsam), trotzdem gehören die Ergebnisse in allen Bereichen mit zum Besten, was in diesem Preisrahmen denkbar ist.
Im nächsten Teil des Berichtes folgen die Objektiv- und Praxistests, das heisst richtige Fotos, nicht nur Text. Auch ist vor wenigen Tagen das neue 28 mm f/1.8 AF-S von Light + Byte AG in Zürich gekommen, so dass wir auch gleich noch prüfen können, ob diese schöne neue Festbrennweite an die Leistungen des alten AIS-Objektives mit CRC heranreicht oder dieses sogar noch übertrifft.
Danke und bis bald!
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