Fazit
Wie so oft gibt es keine eindeutigen Antworten auf die eingangs gestellten Fragen. Die Beurteilung eines solchen Objektivs ist immer auch subjektiv, denn wie bei allen Werkzeugen (und eine Kamera samt Objektiv ist in der Regel ein solches) hängt es von den Anforderungen, den Randbedingungen und den Erwartungen des Anwenders ab, wie er es in seinem Umfeld beurteilt.
Das 18-270 von Tamron ist ein absolut taugliches Allround-Zoom. Wer in erster Linie Veranstaltungen wie Geburtstage, Feiern, Familie fotografiert, vielleicht in der Gemeinde oder im Verein aktiver Fotograf ist, oder einfach nur sehr aktiv in der Familie fotografiert, der wird mit diesem Objektiv praktisch alles erschlagen können, von der Landschaft über das Fussballspiel bis zur Nahaufnahme eines Bauschadens. Es ist ein sehr gutes Familien- und Reportage-Objektiv.
In der Bildqualität ist das Tamron absolut gleichwertig, trotz des grösseren Zoom-Umfangs, sehr viel mehr hängt vom Fotografen bei der Aufnahme wie bei der Nachbearbeitung ab. In einem Test mit zwei identischen Bildern, eines von der Nikon, eines vom Tamron, im NEF-Format aufgenommen und in Capture minimal bearbeitet, konnte niemand auch nur ansatzweise einen Unterschied erkennen, der das eine oder das andere Objektiv als klaren Sieger oder Verlierer entlarvt hätte.
Ob die kleinen Nachteile des minimal langsameren Autofokus ins Gewicht fallen oder die leicht längere Brennweite höher bewertet wird, ist ebenso eine Frage der persönlichen Vorzüge. Die funktionalen Möglichkeiten der Anti-Wackel-Technik sind über jeden Zweifel erhaben, und auch die Möglichkeit des Nikon-Zooms, den Autofocus ohne Umschalten manuell zu übersteuern, werden nur Fotografen wirklich nutzen können, die eines der grösseren Modelle von Nikon ihr Eigen nennen, z.B. die D200 oder D300, an denen der Autofocus auf die AF-ON-Taste gelegt werden kann.
Für Menschen, die alle paar Monate ihre Objektive verkaufen, um wieder neue zu kaufen, wird eher die Tatsache ins Gewicht fallen, dass Nikon-Objektive erfahrungsgemäss einen höheren Wiederverkaufswert behalten als Fremdprodukte. Wer dagegen seine Objektive kauft, um sie zu benutzen, dem kann das im Grunde vollkommen egal sein, hier dürfte eher der geringere Preis des Tamrons den Ausschlag geben.
Kommen wir also zu den eingangs gestellten Fragen zurück:
Kann ein Objektiv mit seinem so grossen Brennweitenumfang optisch und technisch etwas taugen, zumal wenn es von einem der reinen Objektivhersteller kommt?
Ja, es kann. Das ist sicherlich nichts Neues mehr, seit das 18-200 von Nikon bewiesen hat, dass ein solcher Brennweitenbereich mit sehr guter Qualität machbar ist. Dass jedoch ein Fremdhersteller eine so gute Qualität erreicht, das hat mich jedenfalls überrascht. Natürlich liefert ein 17-55 mm f/2.8 AF-S VR und ein 70-210 mm f/2.8 AF-S VR noch einmal sichtbar bessere Bildqualität und sind durch ihre konstant hohe Öffnung in schwierigen Situationen besser einsetzbar, diese kosten aber auch ein Mehrfaches des Tamron wie des Nikon. Im Vergleich mit anderen Prosumer-Zooms oder gar den Set-Objektiven zeigen sowohl das Nikon 18-200 als auch das Tamron 18-270 eine ausgezeichnete Leistung.
Sind Handling, aber vor allem die hier OS genannte Anti-Wackel-Technik so gut, dass das Objektiv als Universal- oder Reiseobjektiv auch auf einer hochwertigen Kamera eingesetzt werden kann?
Definitiv ja. Für eine längere Reise, vor allem wenn Fotografie nicht das ausschliessliche Ziel dabei ist, würde ich ohne zu zögern das Tamron als alleiniges Objektiv mitnehmen. Die Geschwindigkeit, mit der man vom Weitwinkel bis zum langen Tele wechseln kann, ist meines Ermessens viel wichtiger als die reine Bildqualität. Was hilft mir die Qualität eines Profi-Teles, wenn es in der Fototasche liegt, während die Gelegenheit zum tollen Foto vorbeigeht?
Ist die längere Brennweite bei 270 mm so viel länger, dass man diesem Objektiv gegenüber dem 18-200 von Nikon den Vorzug geben sollte?
Nicht wirklich. Natürlich ist sie etwas länger, aber der Unterschied dürfte im richtigen Leben kaum zu einem eindeutigen Pro oder Contra führen. Die subjektive Bewertung der anderen Punkte wie VR gegen VC, AF-S gegen klassischen AF-Antrieb dürfte weitaus mehr zur Entscheidungsfindung beitragen als die längere Brennweite. Umgekehrt kann aber auch klar gesagt werden, dass gerade auf Grund der Tatsache, dass die Objektive so ähnlich und qualitativ absolut vergleichbar sind, das Mehr an Brennweite letzten Endes den Ausschlag für die Entscheidung zugunsten des Tamron geben kann, wenn für den Anwender hier der Schwerpunkt liegt, vor allem im Nahbereich.
Und damit die letzte Frage: sollte man eher bei Nikon bleiben und den kleineren Brennweitenumfang in Kauf nehmen, oder doch einen Versuch mit dem Tamron wagen?
Das Tamron ist grundsätzlich absolut zu empfehlen. Es leistet sich keinen einzigen Ausrutscher und stellt wie das 17-50 mm f/2.8 von Tamron eine wirklich brauchbare Alternative zum Nikon-Pendant dar. Die Entscheidung wird in diesem Fall wohl in erster Linie von der Art der Fotografie abhängen, mit der man sich beschäftigt. Nikons AF-S ist minimal schneller in der Scharfstellung, aber alleine die Tatsache, ob man eine D40, eine D90 oder eine D300 verwendet, hat unabhängig vom Objektiv schon sehr viel mehr Einfluss auf diesen Faktor. Das selbe gilt für VR vs. VC: empfindliche Ohren werden sich vielleicht am minimalen Geräusch des VC- und des AF-Systems stören, wer aber seine Bilder mit den Augen anschaut, nicht mit den Ohren, der wird hier keinen Anhaltspunkt für ein Für oder Wider finden können. Umgekehrt ist die minimal längere Brennweite von Vorteil, wenn man Sport oder Tiere fotografiert.
Tamron hat also in jedem Fall nach dem 17-50 mm f/2.8 ein weiteres Objektiv entwickelt, dass dem entsprechenden Nikon – Objektiv durchaus ebenbürtig ist, mit Vorteilen in Brennweite und bei Nahaufnahmen, mit robuster Qualität und vor allem auch mit gutem Handling.
Mein persönliches Urteil ist eines, das ich gerne fälle: mit dem 18-270 mm hat Tamron nach dem 17-50 mm f/2.8 eine neue, wirklich brauchbare Alternative zum Nikon-Original auf den Markt gebracht. Alternativen beleben das Geschäft, fordern die Konkurrenz zu grösseren Anstrengungen heraus, und tragen dazu bei, die Preise niedrig zu halten. Erstaunlich lange ist das Nikon 18-200 AF-S VR sehr einsam und alleine am Markt gewesen, es ist schön, nun eine brauchbare Alternative kaufen zu können.