VC vs. VR
Was die Einen „Vibrationskompensation“ nennen, die Anderen „Vibrationsreduktion“, das ist eine der interessantesten Entwicklungen der letzten Jahre seit der Erfindung des Autofokus. Galt früher der Standardsatz „längste sinnvoll mögliche Verschlusszeit = 1/Brennweite“ in allen Fällen, in denen man aus der Hand fotografieren musste, so hat die Anti-Wackel-Technik die Grenzen stativloser Fotografie um mindestens den Faktor 4 verschoben.
Mit einer Einschränkung: nur die Bewegung des Fotografen wird kompensiert, natürlich nicht die des Objektes. Rennende und spielende Kinder, schnelle Tiere oder gar Sportler in Aktion können durch diese Technik nicht „eingefroren“ werden, hier helfen nach wie vor nur Objektive mit grossen Blendenöffnungen, die kurze Zeiten ermöglichen.
Nun kann man zumindest als gewöhnlicher Anwender, wie ich es bin, „Wackeln“ nicht so testen, dass am Ende ein zuverlässiges, reproduzierbares und wiederholbares Ergebnis herauskommt, wie das bei den Testbildern der Fall ist, die einen durchaus wiederholbaren Eindruck der Abbildungsleistung des Objektives vermitteln. Der Leser muss sich also zumindest in diesem Bericht auf die subjektive Einschätzung des Testers verlassen. Und diese Einschätzung fällt vollkommen positiv aus. Zwischen den beiden Kandidaten, dem Tamron und dem Nikon, ist für mich kein fühlbarer Unterschied in der Qualität des Ergebnisses feststellbar. Beide ermöglichen Aufnahmen aus der Hand, die ohne diese Technik nur mit Stativ zu erreichen wären: rund ¼ Sekunde am weiten Ende, und immer noch scharfe 1/15 Sekunden Verschlusszeiten bei 200 mm und mehr Brennweite. In diesem Bereich stellt die Bewegung des Objektes, selbst die einer Pflanze, die sich im Wind bewegt, ein sehr viel grösseres Problem dar als die eigene Wackelei. (Da das persönliche Zittern nicht konstant ist, sollten bei sehr langen Zeiten immer mehrere Aufnahmen gemacht werden).
Der sichtbarste Unterscheid der beiden Systeme ist am Schalter dafür zu erkennen: während am Tamron das VC ein einziger Schalter für die Funktion zu finden, gibt es am Nikon einen zweiten Schalter für das VR-System, mit dem zwischen „Normal“ und „Active“ umgeschaltet werden kann. Mit „Normal“ werden vor allem die vertikalen Zitterbewegungen ausgeglichen (das sind die häufigsten, die wir haben), horizontal unterscheidet das Objektiv automatisch, ob man die Kamera mitzieht oder einfach ruhig hält. Dadurch kann man z.B. bei Aufnahmen von laufenden Kindern noch „mitziehen“, also den Kindern folgen, der VR-Mechanismus erkennt die Mitzieh-Bewegung und nimmt keine Korrektur in horizontaler Richtung vor. Mit „Active“ wird hier die horizontale Bewegung grundsätzlich ausgeglichen, das ist vor allem dann wichtig, wenn man vom fahrenden Auto, Boot oder Flugzeug aus fotografiert, wo man ja nicht mitzieht, die Kamera durch die Bewegung des Fahrzeuges aber zu diesem Schluss kommen könnte. „Active“ korrigiert hier in jedem Fall. Umgekehrt bedeutet das, dass man „Active“ nicht verwenden sollte, wenn man ruhig steht und tatsächlich mitzieht, das führt im Einzelfall zu seltsamen Ergebnissen durch den Versuch des Objektivs, das Mitziehen zu verhindern. Für Fotografen, die häufiger in extremeren Situationen aus fahrenden oder fliegenden Untersätzen heraus arbeiten, ist die „Active“-Einstellung ein Vorteil, weil damit ein Automatismus, der auch einmal zu einem falschen Schluss kommen kann, damit wirksam ausgeschaltet wird.
Tamron-Anwender haben es da einfacher, sie können diese Wahl nicht treffen.
In den Tests, die aus einem fahrenden Auto heraus gemacht wurden funktioniert das VC-System tadellos, offenbar erkennt der Sensor des Objektivs ausreichend genau, ob mitgezogen wird oder ob man tatsächlich in alle Richtung geschüttelt wird. Der grösste Teil der Anwender wird also eine „Active“-Einstellung nie vermissen (nach meiner Erfahrung führt sie in der Regel auch eher zur Verwirrung als zu besseren Bildern), Fotografen, die häufig z.B. Luftaufnahmen aus Helikoptern oder Kleinflugzeugen machen, werden hierin jedoch einen Vorteil beim Nikon-Objektiv sehen, da das Verhalten des VR-Systems besser kontrolliert werden kann.
Einen weiteren leichten Unterschied kann man in der Geräuschkulisse ausmachen: das VC-System des Tamron ist hörbar etwas lauter als das von Nikon. Allerdings auf niedrigem Niveau: der Fotograf mit der Kamera vor der Nase hört es, die Umgebung dürfte es nur in ganz speziellen Fällen wahrnehmen, in lautlosen Museen oder ähnlich stillen Räumen.
Allgemein ist noch wichtig, dass beide Systeme, egal ob VC oder VR, bei der Verwendung eines Statives ausgeschaltet werden sollten, da ihre minimalen Bewegungskorrekturen bei absolut feststehender Kamera zu leichten Unschärfen führen könnten.
Knapp unentschieden also auch hier, oder positiv ausgedrückt: das Tamron steht dem Nikon auch im Ergebnis der Anti-Wackel-Technik kaum nach, vom leicht höheren Geräuschpegel einmal abgesehen. Ob man die „Active“-Einstellung des Nikons braucht, muss jeder für sich entscheiden.