Handling
Neben dem Qualitätsgefühl und der Haptik (dieses Wort würde ohne die entsprechende Werbung von Volkswagen für das tolle Gefühl beim Befummeln ihrer Autos wohl niemand wirklich kennen) sind einige Punkte bei der Bedienung des Objektives für den Anwender und die Beurteilung ausschlaggebend. Dazu gehören einerseits der Widerstand und der gleichmässige Lauf der Ringe für Zoom und Entfernung, daneben aber auch Anordnung und Drehrichtung derselben, sowie Zugriff, Bedienbarkeit und auch Verhinderung von versehentlicher Bedienung der Schalter für Autofocus und Anti-Wackel-Technik.
Mein erster positiver Eindruck hat sich über die Zeit, die ich das Objektiv verwenden konnte, sogar noch verbessert. Wichtigster Aspekt beim Handling ist dabei neben der Tatsache, dass die griffigen Ringe für Brennweite und Entfernung wesentlich breiter und besser zu greifen sind, die Anordnung: anders als beim 18-200 von Nikon liegt hier der breite Zoom-Ring direkt an der Kamera. Vielleicht kommt mir das entgegen, weil diese Anordnung der am 17-55mm f/2.8 entspricht, mit dem ich sonst hauptsächlich arbeite.
Der Ring für die Entfernungseinstellung liegt sehr weit vorne, wobei nach meiner Erfahrung bei dieser Sorte Objektiv eher selten darauf zugegriffen wird. Bedingt durch den fehlenden Ultraschall-Antrieb des Objektives gibt es aber einen gravierenden Unterschied im Handling: das Tamron kann nur entweder manuell oder automatisch fokussieren. Ein manuelles Eingreifen ohne Umschaltung, wie es das 18-200 von Nikon mit seinem AF-S-Antrieb ermöglicht, geht hier leider nicht. Das Scharfstellen selber, wenn man es denn manuell tut, unterscheidet sich nicht grossartig, bei beiden Objektiven merkt man deutlich an der Leichtgängigkeit und dem fehlenden Widerstand, dass die Hersteller nicht ernsthaft mit Kunden rechnen, die hier sehr viel manuell scharfstellen möchten.
Eine Besonderheit des Tamron ist die kleine LOCK-Taste hinten am Zoom-Ring. Dies ist nichts anderes als eine kleine mechanische Sperre, mit der sich das Objektiv bei 18 mm, also im „kürzesten“ Zustand, blockieren lässt. Offenbar will Tamron dem Vorwurf des „Kriechens“ vorbeugen, den sich das 18-200 von Nikon vor allem in den ersten Produktionsmonaten eingefangen hatte: hängt die Kamera senkrecht nach unten (was bei den relativ schweren Objektiven automatisch passiert, wenn man sie am Gurt trägt), dann wurde das Objektiv alleine durch die Schwerkraft immer länger, bis es bei der 200mm – Einstellung angekommen war. Neben der Tatsache, dass das lustig aussieht, ist das keine gute Position, weil das Objektiv in dieser Position gegen Schläge empfindlich ist. Mit der kleinen Sperre lässt sich das Objektiv sperren, so dass ein Kriechen gar nicht erst auftreten kann.
Autofokus
Bei der Durchsicht der Kürzel und Kennzeichen auf der Schachtel des Objektivs fällt auf, dass ein Wert fehlt: AF-S, wie es bei Nikon heisst, der Ultraschall-Antrieb des Autofocus, der diesen sehr schnell und sehr leise macht.
Das Tamron verfügt zwar auch über einen Objektivseitigen Antrieb, womit es auch mit den kleinen Nikon-Modellen D40, D40x, D60 und D5000 kompatibel ist, dieser ist jedoch klassisch mechanisch, wie ihn auch das 18-200 von Canon einsetzt.
Wie wirkt sich das aus? Zunächst einmal durch einen geringfügig höheren Geräuschpegel. Wo man beim Nikon AF-S im besten Fall nur ein leises Rauschen hört, sind hier offensichtlich noch mechanische Wellen bei der Arbeit. Aber: sehr viel lauter ist das Objektiv bei der Scharfstellung erstaunlicherweise nicht. Der Ton ist anders, ein bisschen hörbarer, aber das war’s dann auch schon.
Auch die Geschwindigkeit ist kaum fühlbar schlechter als die des Nikon-Objektivs, und hängt sehr viel mehr von der Kamera ab als von der Art des AF-Antriebes. Auf der D300 konnte ich praktisch keinen Unterschied feststellen, die Sensoren der Kamera, die Übertragung und der Antrieb des AF sind schon von der Gehäuseseite her so gut, dass eventuelle Differenzen im Bereich des menschlichen Wahrnehmungsvermögens verschwinden.
Die vermutete Entschleunigung bei der Verwendung an der D60 meines Sohnes ergab erstaunlicherweise ebenfalls keinen wirklich spürbaren Unterschied: auch das Nikon-Objektiv reagiert hier deutlich langsamer, so dass die Differenz zum Test mit der D300 eher auf die Mess- und Übertragungsgeschwindigkeiten der Kameras zurückzuführen sind als auf die Antriebe der Objektive.
Leichter, aber nicht ausschlaggebender Vorteil also für das Nikon-Objektiv, oder anders ausgedrückt: einer der besten klassischen AF-Antriebe, die ich in einem Prosumer-Zoom bisher testen konnte.