Nikon D700 Erfahrungsbericht
Kosten
Womit wir beim Thema Kosten angekommen wären. Dem D40-Fotografen stehen natürlich bei der Betrachtung des Preisschildes der D700 die Haare zu Berge, rechnet er noch die Kosten des AF-S 24-70 mm f/2.8 dazu, dürfte das für ein mittleres Wachkoma reichen.
Andererseits werden Interessenten an der D700 wohl eher aus dem Profi- und Semiprofi-Lager kommen. Unter letzteren verstehe ich Fotografen, die zwar nicht mit der Fotografie ihr Einkommen bestreiten, die sich aber doch so intensiv mit Fotografie beschäftigen, dass sie vom Wissen und den Anforderungen her dem Profi kaum nachstehen. Und auch noch das Glück haben, dann Fotografieren zu können, wenn sie die Muse küsst, und es nicht müssen, weil am Ende des Monats die Rechnungen kommen, Muse hin oder her.
Die rund 70%, die die D700 aktuell mehr kostet als die D300, sind allerdings auch für mich nur schwer nachvollziehbar. Es dürfte eher an fehlender Konkurrenz liegen als an tatsächlich höheren Produktionskosten, oder daran, dass sie gemessen an der D3 richtig günstig erscheint. Dazu kommen in der Regel noch erhebliche Investitionen in Objektive. Wer von der F5 oder F6 mit der D700 auf Digital umsteigt, ist natürlich fein raus, weil er wahrscheinlich schon gutes Glas für FX besitzt. Wer dagegen für viel Geld seine D300 mit DX-Objektiven ausgerüstet hat, auf den kommen harte Zeiten zu. Zur Freude derer übrigens, die auf DX bleiben: noch nie waren 17-55 mm f/2.8 DX-Objektive so günstig wie heute. Wie schon erwähnt: Wat den eenen sin Uhl...
Trotzdem: die D700 ist ihr Geld wert. Wer das Potential der Kamera ausnutzen will und kann, wer das notwendige Kleingeld aufbringen kann, und wer genügend Wissen über die Nachbearbeitung in Photoshop oder Capture NX2 mitbringt, dem erschliesst sich eine Bildqualität vor allem bei schlechten Lichtverhältnissen, wie sie derzeit keine andere Kamera unterhalb der D3 oder D3x liefern kann. Soweit die „absolute“ Beurteilung. Nun aber die „relative“: für wen ist sie gut, für wen lohnt sich der Umstieg trotz aller Qualität trotzdem nicht?
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D700 Externsteine |
Beurteilung: Jedem das Seine
Das Ergebnis meiner Probezeit mit der D700 ist nicht so eindeutig, wie ich mir das erhofft (oder befürchtet) hatte. Von der D300 zur D700 ist kein Generationensprung erkennbar, es sind eher ungleiche Geschwister mit sehr verschiedenen Schwerpunkten, so ähnlich sie sich auch sehen.
Für wen ist die D700 optimal?
Einmal für alle Menschen, die noch sehr mit dem 35mm-Format (FX) verbunden sind, viele AIS-Weitwinkel und Festbrennweiten besitzen, die sich an den Umrechnungsfaktor nicht gewöhnen wollen und einfach Tiefenschärfe, Bildwirkung vom Kleinbildfilm her so im Blut haben, dass DX nie eine Alternative war. Für sie ist die Entscheidung einfach, DX entfällt. Punkt.
Dann natürlich für alle, die viel mit verfügbarem Licht bei schlechten Lichtverhältnissen arbeiten müssen. Zwar ist das Rauschverhalten des grossen Sensors nicht um Faktoren besser, in Summe mit dem grossen Sucher und lichtstarken Objektiven ergibt sich aber doch ein wesentlich besseres Handling bei schwachem Licht, und auch die Bildqualität vereinfacht die Arbeit und verkürzt die Nacharbeit deutlich.
Weiter profitieren Weitwinkelfotografen klar von der D700. Zwar gibt es mittlerweile auch für DX eine ganze Reihe von extremen Weitwinkelzooms, die hervorragenden Festbrennweiten von Nikon und Zeiss zeigen aber erst auf einem FX-Gehäuse ihre volle Wirkung.
Und schliesslich profitieren Portrait-Fotografen von den Eigenschaften der D700. Die grössere Tiefenschärfe als bei DX-Kameras, die fein verlaufenden Farben, Flächen und Strukturen mit dem grossen Sensor und die Möglichkeit, bei verfügbarem Licht mit höheren ISO-Werten arbeiten zu können, kommen hier zum Tragen.
Und zuletzt gehören die D3-Besitzer natürlich zu den potentiellen D700 Käufern, sie stellt ein optimales Zweitgehäuse dar, auf dem sich alle Objektive identisch wie auf der D3 verhalten, auch das Ergebnis ist gleich, besitzen doch beide Kameras (fast) denselben Inhalt.
... und für wen nicht?
Das DX-Format wird zunehmend als „Hobby-Format“ deklassiert. Das halte ich für einen grossen Fehler, denn erstens hat das Format nicht das Geringste mit Hobby oder Profi zu tun, und zweitens kann man mit einer D300 genauso einen Nagel in die Wand schlagen wie mit der D700: qualitativ geben sich die Kameras nichts.
Im Gegenteil: Tier- und Sportfotografen fahren mit einer D300 deutlich besser, weil die Teleobjektive bei gleicher Bildwirkung kleiner, leichter und günstiger sind. Nun könnte man argumentieren, dass sich derselbe Effekt ja durch die Verwendung eines Bildausschnittes erreichen liesse, so dass dem Fotografen dann auch noch die bessere Bildqualität der D700 zu Gute käme.
Stimmt, aber mit dem Argument könnte man auch das Teleobjektiv zu Hause lassen. Und würde eines nicht lösen: die Reduzierung der Auflösung, also weniger Pixel.
Eine weitere Gruppe, die von DX profitiert, sind die Makro-Fotografen. Der grössere Aufnahmeabstand (bei gleicher Brennweite) oder die grössere Tiefenschärfe (bei gleichem Bildwinkel, also kürzerer Brennweite, um den selben Bildeffekt zu erreichen) erleichtert gerade im Makro-Bereich die Arbeit erheblich.
Wer eine hochwertige DX-Ausrüstung besitzt, z.B. D300, AF-S 17-55 mm f/2.8 oder das hervorragende Weitwinkelzoom 12-24 mm f/4 sollte sich einen Umstieg dagegen gut überlegen. Wenn der fotografische Schwerpunkt nicht gerade im nächtlichen Bereich liegt, macht sauberes Arbeiten, Übung, ein Stativ, die Verwendung der RAW-Dateien und Erfahrung in der Nachbearbeitung deutlich mehr in der Bildqualität aus, als es der Kauf der D700 bringt. Von den notwendigen Investitionen einmal ganz abgesehen.
Fazit
Wer sich intensiv mit der Fotografie beschäftigt, hat heute mit der D300 und der D700 zwei praktisch gleichwertige Gehäuse, aber auch zwei Prinzipien zur Auswahl. Der Geldbeutel einerseits, aber auch die fotografischen Schwerpunkte werden letzten Endes die Entscheidung bestimmen.
Die D700 ist meines Erachtens zum jetzigen Zeitpunkt (Frühjahr 2009) nach dem Preis-Leistungsverhältnis die beste am Markt verfügbare Kamera. Die Einbindung in ein riesiges System, die Möglichkeit, hervorragende Objektive der letzten fast 40 Jahre einsetzen zu können sind genauso interessant wie die Tatsache, dass Nikon auf eine extreme Steigerung der Megapixel verzichtet hat und damit die beste heute verfügbare Bildqualität vor allem bei hohen ISO-Empfindlichkeiten liefert.
Was mich auch sehr freut, ist die Tatsache, dass mit der D300 und der D700 nicht eine „alte“ und eine „neue“ Nikon existieren, sondern zwei Alternativen, die verschiedene Ansprüche erfüllen, bei gleicher Qualität und gleichem Handling. An Nikon beeindruckt mich vor allem die Durchgängigkeit in der Bedienung und der Kompatibilität des Systems über sehr lange Zeit.
Mit der D700 bleibt sich Nikon in diesen Punkten treu und bietet engagierten Amateuren wie Profis ein Gehäuse, dass die legendären Eigenschaften der F-Serie in der digitalen Welt weiterführt.